TA Manifesto

Das TA Manifest

MENSCHEN TÖTEN NICHT MENSCHEN
Teil der Lösung?
Wir sind Professionelle, die täglich mit Transaktionsanalyse (TA) arbeiten. TA ist bekannt für ihren Glauben an die Möglichkeit des Wachstums und des Wandels. Wir, die Unterzeichnenden dieses Manifests, teilen unsere grosse Sorge über die kürzlich erfolgten Gewalttaten in der ganzen Welt (in Beirut, Mumbai, Paris, San Bernardino, Brüssel, Lahore etc.). und über die Reaktionen der beteiligten Autoritäten (welche ausrufen, wir seien im Krieg etc.). Dieses Manifest will die Aufmerksamkeit auf die vielfachen Formen von Kollateralschäden richten, welche mit diesen Aktionen und Reaktionen einher gehen. Wir sind auch schockiert über unsere eigenen Antworten zu den eskalierenden Ereignissen. Mittels dieses Manifests rufen wir zur Reflexion auf, um weitere Verletzungen und Blutvergiessen zu vermeiden. Alle Unterzeichnenden dieses Manifests realisieren, dass es innerhalb der Transaktionsanalyse (TA) die Definition des Zuschauenden gibt:”jemand, der/die sich nicht beteiligt, wenn jemand anderes Hilfe benötigt.” (Jacobs, 1987; Clarkson, 1996). Im Gegensatz zum Zuschauen wählen wir Beteiligte zu sein, und diesen Moment in der Geschichte nicht den anderen zu überlassen. Der Punkt, unsere Stimmen zu erheben ist jedoch – in den Worten von Petruska Clarkson – “nicht eine endgültige Antwort auf die menschlichen Dilemmata abzugeben, sondern die Lüge zu hinterfragen, die tatsächlich in jeder solchen Position wie derjenigen des/der unschuldig Zuschauenden steckt.” Als Zeugen und Zeuginnen dieses riesigen Problems, wollen wir sicherlich Teil einer Art von Lösung sein.
Menschen töten nicht Menschen
Ein früherer Präsident der Internationalen Transaktionsanalyse Gesellschaft (ITAA), George Kohlrieser (2006) beschreibt im ersten Kapitel seines Buches Hostage at the table (Geissel am Tisch) die Geschichte einer Grossmutter und ihrer Grosstochter, die einen brutalen Überfall eines, später von der Polizei so genannten, psychopathischen Mörderers, überlebten. Sie taten dies, indem sie dem Mann, der sie attackierte, mit Freundlichkeit und Respekt begegneten. Dies entwaffnete ihn sowohl wörtlich wie im übertragenen Sinn. Wir zitieren aus vollem Herzen Kohlrieser, wenn er schreibt: “Die Tatsache ist, dass Menschen nicht Menschen töten; sie töten Dinge und Objekte.”Um andere zu ermorden, muss man sie zuerst ihrer Menschlichkeit berauben. Wie kamen wir alle in eine Situation, in welcher wir alle zu vergessen scheinen, dass wir alle Menschen sind, Mitglieder einer dieser Rassen der homo sapiens, Männer, Frauen, Kinder, wenn Menschen nicht Menschen töten? Was geschah mit uns, dass wir alle anfingen, unsere Mitbewohner und Mitbewohnerinnen des Planeten Erde zu verdinglichen, wenn Menschen nicht Menschen töten? Wo zum Himmel kamen wir alle vom Weg ab, wenn Menschen nicht Menschen töten? Wo sind Freundlichkeit und Respekt hingekommen?
Wir fürchten uns
Wir wünschen uns vorsätzlich nicht, über sie und uns, gut und schlecht, wissen und nicht-wissen, Terroristen und Gegenterroristen, Polizisten und Räuber, zu sprechen. Wir glauben, dass die Fragen, welche Friedrich Glasl, Deutsche Kapazität für Konflikt, einen zugänglicheren Pfad bieten. Er schlägt vor, dass wir damit beginnen, uns selber zu fragen; “Bin ich mir (sind wir uns) der angefachten Flammen gewahr?” Und dass wir dann in Betracht ziehen: “Wie kann ich mich (können wir uns) eher konstruktiv verhalten, als andere anzugreifen?” Wir wollen diese Fragen ernsthaft bedenken, weil wir glauben, dass wir gemeinsam in dieser Situation stecken. Wir haben dieses Chaos ko-kreiert. (Ko-Kreation ist nicht dasselbe wie Kollaboration!) Wir möchten die Situation, in der wir uns befinden, als (psychologisches) Spiel “ausser Kategorie” (Cornell et al., 2016) begreifen. Hunderte von Leuten – Täter und Opfer – starben. Tausende von Leuten – wieder Täter und Opfer – sind verwundet. Millionen von Leuten – und wieder Täter – und Opfer – fürchten sich. Wir fürchten uns. Diese Angst schafft einen Teufelskreis (ein Spiel). Es ist an der Zeit, das Mögliche zu tun, um diesen Zyklus zu unterbrechen.
Opfer des Profiling
Wovor fürchten wir uns? Wie wir sagten, es gibt viel Kollateralschaden zu bedauern. Wir bemerken eine Tendenz, die sich “Leute Profiling” nennt. Im Profiling werden persönliche Eigenschaften oder Verhaltensmuster benutzt, um allgemeine Aussagen über die Person zu machen. Wir, zum Beispiel, sind uns gewahr, dass jedes andere menschliche Wesen, dem wir begegnen, welches die (imaginierten) Eigenschaften von jemandem aus dem Mittleren Osten oder Nordafrika hat, leicht als potentielle Bedrohung gesehen wird. Wir wollen das nicht. Wir sind mehr oder weniger alle Opfer der vor sich gehenden Gewalt. Es fühlt sich wie eine Übertretung deren und unserer Autonomie an. Ohne naiv zu sein, wollen wir anderen Menschen ungehindert begegnen, ungeachtet ihrer Rasse, Gender, Klasse, Religion, sexueller Orientierung, Behinderung, oder anderen Aspekten ihres Aussehens oder Herkunft. Wir wollen anderen mit offener Haltung und einem willkommen heissenden Herzen begegnen. Es beängstigt uns, dass diese Fähigkeit in uns kleiner zu werden scheint. Auch wenn es mit uns geschieht, ist es keine Naturkatastrophe. Wir müssen dies herum drehen.
Einhalt der Eskalation und Entmenschlichung
Eric Berne strebte in seinem berühmten Buch Spiele der Erwachsenen an, “die geheimen Spiele und unbewussten Manöver, die alles bestimmen, offenzulegen (Buchuntertitel in Englisch) – dem wollen wir hinzufügen: und – unser Intimleben – ruinieren.” Eines ist klar: zum Vorteil aller Beteiligten muss dieses Spiel aufhören! Eine Weise dies zu tun ist, das Spiel offen zu legen (sichtbar machen, was es wirklich ist). Friedrich Glasl schreibt über die Eskalation des Konflikts in menschlichen Beziehungen und hebt “die graduelle Intensivierung eines Konflikts in einer Abwärtsbewegung” hervor. Er warnt, dass “diese Eskalation zunehmend tiefere und vorbewusstere Ebenen in Menschen (und in Gruppen) aktiviert , bis diese Menschen (oder Gruppen) ganz ihre Selbstkontrolle verlieren.”So oder so fühlen wir uns, als ob wir verlieren würden…Der Prozess der Eskalation ist oft ein Prozess, indem andere ihrer Menschlichkeit beraubt werden. Dies beginnt meist mit dem “vergessen” ihres Namens, um über “diesen Bastard”, “diese Idioten”, oder auch “diese Tiere” zu sprechen, auch wenn es in der Tierwelt sehr selten vorkommt, dass ein Mitglied derselben Gattung die Eigenen tötet.
Wir können uns verbessern
Transaktionsanalyse (TA) ist eine Theorie des sozialen Umgangs, bekannt für ihren Glauben an die Möglichkeit des Wachstums und des Wandels. Wir sehen täglich Menschen beim Verändern ihres Denkens, ihres Verhaltens und ihres Lebens. Wir, als Menschen, können uns so viel verbessern. Wir können uns verbessern, indem wir uns bewusster sind, wo wir mit der Entmenschlichung beginnen – gross: auf der politischen Bühne, oder klein: zu Hause oder bei der Arbeit. Menschen töten nicht Menschen! Solange wir den/die anderen sehen – jeden einzelnen Menschen – als eine und einen der unseren, gibt es Hoffnung für unsere gemeinsame Zukunft auf unserem wundervollen Planeten. Worte könne eine Realität schaffen, die uns alle schädigt. Lasst uns damit beginnen, unsere Worte achtsam zu wählen. Die Englische Rockband Roxy Music (1979) beendet ihr berühmtes Lied Manifesto mit den Worten:
Halte durch, wenn du zweifelst
Hinterfrage, was du siehst
Und wenn du eine Antwort findest
Bringe sie nach Hause zu mir
Wir bejahen dies voll und ganz!